project „refugees and migrants“

Konzept

Es gibt wohl kaum einen eindrucksvolleren und berührenderen Beweis für persönliches Leid und individuelle Ausweglosigkeit, als die Flucht von Menschen mit dem Boot über das offene Meer. Als ultima ratio eines durch Willkür und Korruption, Krieg, Gewalt, Vertreibung, Hunger und Armut bestimmten Lebens ist diesen Menschen kein Weg zu weit und keine Gefahr zu groß, ihrem Traum von einer besseren Zukunft ein Stück näher zu kommen. Dennoch – die Hoffnung auf ein besseres Leben stirbt an vielen Stellen dieser Welt: In den Stauräumen entlang der Routen nach Europa. In den Lagern von Algerien und Lybien, Griechenland, Italien und Spanien. In den Slums von Rabat, den Camps von Tanger, in den Wäldern von Oujda. Im Flugzeug, abgeschoben, auf dem Weg zurück in die “Heimat”. Oder unbemerkt, im Verborgenen, dicht gedrängt in einer Patera, – bei Sturm -, auf offener See.

Im Umgang mit ihnen, den unerwünschten Verlierern, verzichtet Europa mittlerweile auf die Einhaltung seines Wertekanons und verliert damit gegenüber den Menschen weltweit jeden Tag an Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft. Diese innere Destabilisierung, durch Beschädigung des ethisch-moralischen Rückgrats, kann langfristig aber nicht ohne Folgen für die Wertegemeinschaft selbst und ihr Ansehen innerhalb der Völkergemeinschaft bleiben. Um Europas Selbstver-ständnis wird somit auch in Zukunft an den Außengrenzen gekämpft werden müssen, denn eine menschenwürdige Lösung für die Flüchtlinge und Migranten ist leider immer noch nicht in Sicht.

Installation

Die Installation BOOT steht somit als Symbol für den Überlebenskampf und den Wagemut, aber auch für die Hoffnung, die bei aller Hoffnungslosigkeit das Leben vieler Flüchtlinge und Migranten weltweit prägt. Dass diese Hoffnung, dicht gedrängt in einer Patera, – bei Sturm -, auf offener See, ein schnelles und trauriges Ende finden kann – auch daran soll das Boot erinnern. Erweitert wird die Installation durch eine Zeichnung auf dem Segel des Bootes. Die Karikatur “Vorsicht! Die Neger kommen” hält überzeichnet die Stimmungslage einer von Angst, Skepsis, Vorurteilen und Ressentiments getragenen Diskussion innerhalb Europas und der Welt fest und macht deutlich, wie viel Wegstrecke bis zur Lösung dieses Problems in unseren Köpfen noch zurückgelegt werden muss. Eine am Boot befestigte Fahne mit dem Namen des chinesischen Konzeptkünstlers Ai Weiwei schließt die Installation ab – Hinweis und permanente Erinnerung an das Schicksal eines prominenten Mahners im Kampf gegen staatliche Willkür, Korruption und Unterdrückung.  

 Fotografien

Bestandteil des Konzepts sind des weiteren Fotografien, die im Verlauf meiner mehr als 20 jährigen Reisetätigkeit als Künstler zu dem Themenkomplex „Hunger und Armut, Ausgrenzung, Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung“ entstanden sind. Die Fotografien belegen, dass sich hinter den abstrakten Schlagwörtern, mit denen wir gewohnt sind zu arbeiten, Menschen verbergen – Menschen mit einer persönlichen Herkunft, Hautfarbe, Religion, Bildung, Familie und Geschichte. Im Einzelnen:

ROMA IN DER SLOWAKEI: Roma stellen weltweit eine sozial ausgegrenzte und verfolgte Minderheit dar. Mit dem Stigma des “Zigeuners” behaftet, fehlt dieser Ethnie häufig die Möglichkeit, sich zu integrieren und zu assimilieren. Was bleibt, ist ein Leben in Armut, am Rande der Gesellschaft, ohne Perspektive auf eine bessere Zukunft.

TOWNSHIP IN NAMIBIA: Der “weiße Mann” hat seine Arbeit in Afrika eingestellt. An seine Stelle trat häufig genug Stammesdenken, Korruption, Mißwirtschaft, Krieg, Gewalt und Armut. Die schwarze Oberschicht schickt heute ihre Kinder mit dem Geld, das sie aus den an Bodenschätzen reichen Ländern presst, zur Ausbildung nach Europa und Amerika. Der große Rest versucht, arbeits -und chancenlos, Tag für Tag in den Townships zu überleben.

FLÜCHTLINGE DES KOSOVO-KRIEGES: Der Glaube als Kriegsgrund ist wieder aktuell und populär. In Verbindung mit der bewegten Geschichte der Länder des Balkans und dem wiederauflebenden Traum ethnisch-konfessionell gesäuberter Großreiche war sich keine Religion zu Schade, sich vor den Karren der Kriegs-maschinerie spannen zu lassen. Wer nicht fliehen konnte lief Gefahr, Opfer einer Säuberungsaktion zu werden. Und heute? Die Schauplätze haben gewechselt. Nicht aber das “Spiel”!

MIGRANTEN IN MAROKKO: Die Flüchtlinge und Migranten, die sich heute an den Grenzen zu Europa sammeln, setzen sich zusammen aus Angehörigen von Minderheiten, religiös Verfolgten, Kriegsflüchtlingen und Kriegsmüden, sowie Menschen ohne Arbeit, Brot oder Boden. Ohne Perspektive auf ein menschenwürdiges Leben “zu Hause” füllen sie die Stauräume entlang der Routen nach Europa, sitzen fest in den Lagern von Algerien und Lybien, Griechenland, Italien und Spanien. Oder fristen ihr Leben in den Slums von Rabat, den Camps von Tanger und in den Wäldern von Oujda.

KURDISCHE FAMILIE IN DEUTSCHLAND: Wer als Flüchtling oder Migrant unbeschadet den Sprung nach Europa schafft, ist noch lange nicht am Ziel seiner Träume angelangt. Die meisten erwartet ein Leben in der bestenfalls geduldeten Illegalität – als rechtloser, unterbezahlter Arbeiter in den Obst –und Gemüsefeldern Spaniens oder als fliegender Händler gefälschter Uhren und nutzloser Ketten in den Städten und an den Stränden Europas. Ein Leben in ständiger Angst vor Entdeckung und Abschiebung. Für die, die einen Asylantrag stellen, beginnt die zermürbende Zeit des Wartens in einem der Aufnahmelager Europas. Immer in der Furcht, am Schluß doch wieder ausreisen zu müssen oder abgeschoben zu werden.

Mischtechnik auf Leinwand

5 großformatige Werke in Mischtechnik auf Leinwand existieren zur Zeit zu diesem Thema. Im Einzelnen:

Teile der Welt befinden sich in einem dramatischen Zustand. Täglicher Hunger, bittere Armut und Krankheit; Verfolgung und Vertreibung aus religiösen oder ethnischen Gründen; religiöser Fanatismus, Sklaverei und sonstige Formen gewaltsamer Unterdrückung; staatliche Willkür gegenüber der eigenen Bevölkerung, Krieg und Gewalt; mangelnde Bildungschancen verbunden mit beruflicher Perspektivlosigkeit; all dies und mehr stellt für den größten Teil der Menschen weltweit keine Randnotiz in der Zeitung, sondern leider die private Lebenssituation dar, gegen die es gilt, in einem hoffnungslosen Kampf um das tägliche Überleben beständig anzukämpfen (Acryl auf Leinwand “KRIEG UND GEWALT” – Acryl auf Leinwand “VERTREIBUNG”).

Flucht und Migration, auch in Richtung Europa, stellen für diese Menschen, die keiner will, trotz der damit verbundenen Strapazen und Gefahren für Leib und Leben, den einzigen Weg dar, ihrem Traum von einem “besseren Leben” als Asylsuchender, Illegaler und/oder Billigarbeitskraft in Europa, Amerika oder anderen Staaten dieser Welt ein Stück näher zu kommen.

Dabei hat es in der jüngeren Vergangenheit nicht an hoffnungsvollen Ansätzen gefehlt, durch Reformen die Lebenssituation der Menschen in Afrika, Asien und Südamerika zu verbessern. Rohstoff, Markt -und Sicherheitsinteressen haben auf westlicher Seite aber zu allen Zeiten über den ernsthaften Willen gesiegt, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte in die Welt hinaus zu tragen (Mischtechnik auf Leinwand “US-FLAGGE”). Der Preis dieser Politik waren Verträge mit Despoten (Mischtechnik auf Leinwand “Mensch. Not wanted”) für die “der Westen” heute bei den Menschen im besten Falle den Preis mangelnder Glaubwürdigkeit zahlt. Tunesien, Ägypthen und Libyen sind hierfür nur die aktuellsten Beispiele. Leider spielt die Jahrzehnte währende Außenpolitik der Demontage des westlichen Wertekanons aber auch den Kräften in die Hände, die tendenziell fundamen-talistische Systeme als Ausweg propagieren (Mischtechnik auf Leinwand “MUSLIMA”).

Video

Abgeschlossen wird das Konzept  des Projekts „Mensch. Not wanted“ zur Zeit durch ein Video, dass mir 2010 in Rabat/Marokko von einem Migranten übergeben wurde. Ich versprach ihm damals, die DVD in einer Ausstellung zu dem Thema “Flucht und Migration” vorzuführen. Dieses Versprechen konnte ich 2011 in der Ausstellung “Mensch. Not wanted” im Haus am Dom in Frankfurt am Main einlösen (Siehe auch Menüpunkt „exhibition 2011“).

Das Video erzählt die zigtausendfach erlebte Geschichte der Flucht und Migration am Beispiel einer Gruppe von Flüchtlingen und Migranten, die sich auf den Weg nach Europa machen. Geschrieben von Flüchtlingen und Migranten wurde dieses Theaterstück in der evangelischen Kirche in Rabat/Marokko von Flüchtlingen und Migranten aufgeführt. Es handelt sich also um ein authentisches Stück, dass von Hoffnung, dem Geschäft mit der Hoffnung, von Schleppern, Vergewaltigern und dem Tod erzählt. Obwohl eher Tragödie denn Komödie sind dennoch einige Passagen “zum Schreien komisch” und stecken voller Humor. Vielleicht erzählt uns auch dies am Schluss auch noch etwas über diese Menschen, die sich irgendwann und irgendwo dazu entschließen, -nur für den Preis der Hoffnung auf ein besseres Leben-, sich auf eine lange und gefährliche Reise zu begeben.

SCHLUSS

 Die in der Ausstellung „Mensch. Not wanted“ gezeigten Arbeiten sind nicht eindimensional sondern vielschichtig und in sich nicht immer homogen sondern zum Teil auch widersprüchlich. Jeder Arbeit steht einerseits für sich und ist gleichzeitig doch auch Teil des Ganzen. Im Ergebnis sind die Arbeiten Teil meiner subjektiven Auseinandersetzung mit diesem Thema und der Versuch, die Komplexität der Hintergründe für Armut, Hunger, Ausgrenzung, Krieg, Gewalt und Vertreibung selbst zu begreifen und aufzuzeigen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter dem Menüpunkt exhibition 2009 und exhibition 2011 sowie beim Besuch der nächsten Ausstellung „Mensch. Not wanted“ 2013 in Deutschland. Nähere Informationen über den Ort und den Zeitpunkt der Ausstellung erhalten Sie unter exhibition 2013.

Andreas Gleich                         Wiesbaden den 25.05.2008

Expose ARTE LAGUNA PRIZE Venice 14-15

Expose Aktion Nürnberg 2013

Expose Aktion Berlin 2013

Expose Ausstellung Frankfurt/Main 2011

Expose-Konzept Aktion Jena 2010

Expose-Konzept Ausstellung Wiesbaden 2009

Konzept Ausstellung Wiesbaden 2006